von Lea Hanke

Von links nach rechts: Annette Schaper-Herget (Ofa), Yakeline Cadena-Perez der Prinz (Ofa), Helge Herget (Ofa), Magda Cichy (Ofa), Markus Weinbrenner (IHK), Helena da Silva (Ofa) und Frank Achenbach (IHK).

Das Treffen zwischen der Ofa-Fraktion und der Industrie- und Handelskammer (kurz: IHK) am 04.02. in Offenbach war das Ergebnis eines vorausgegangenen Austauschs im Ausländerbeirat. Nachdem die IHK dort eine Präsentation gehalten hatte, blieben noch offene Fragen seitens der Ofa-Fraktion, die nun in einem direkten Dialog geklärt wurden. Im Mittelpunkt standen wirtschaftliche und industriepolitische Themen, insbesondere in Hinblick auf die Situation ausländischer Fachkräfte und Unternehmer in Offenbach. 

Sprachförderung als Schlüssel zur Integration?

Ein zentrales Anliegen der Diskussion war die Bedeutung von Sprachkenntnissen für den Zugang zum Arbeitsmarkt. Unternehmen in Offenbach äußerten den Wunsch nach mehr Unterstützung bei Deutschkursen, um mehr Menschen mit ausländischen Wurzeln einstellen zu können. Zwar gibt es bereits Berufssprachkurse, die bis zu einem bestimmten Gehaltsniveau staatlich finanziert werden, jedoch besteht laut IHK weiterhin Optimierungsbedarf, worauf eine unserer Ofa-Mitglieder Magda Chichy jedoch gegen-reagierte: 

Es gibt viele Job-Berufssprachkurse, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert werden. Sie legen ihren Fokus nicht auf bestimmte Berufe, sondern auf allgemeine arbeitsbezogene Sprachkenntnisse – etwa Lebensläufe, Bewerbungsgespräche und Kommunikation am Arbeitsplatz. Diese Kurse werden bis zu einem bestimmten Einkommensniveau staatlich finanziert; ab einem Bruttoeinkommen von 4.000 € müssen Teilnehmer die Kosten jedoch selbst übernehmen.

Ein besonderes Modell sind Turbokurse, bei denen Lehrkräfte direkt in Unternehmen unterrichten können. Diese Kurse finden optimalerweise in Gruppen von drei bis sieben Teilnehmern statt, um eine intensive Betreuung zu ermöglichen. Dennoch liegt es auch an den Unternehmen, ihre Mitarbeitenden aktiv bei der sprachlichen Integration zu unterstützen – durch flexiblere Einsatzpläne, Arbeitszeitmodelle oder betriebsnahe Kursangebote könnten mehr Arbeitnehmer die Chance bekommen, an diesen Sprachkursen teilzunehmen und sich so besser in den Arbeitsalltag zu integrieren.

Internationale Fachkräfte und wirtschaftliche Chancen

Im Bereich der Fachkräftegewinnung setzt die IHK auf ihr weltweites Netzwerk. Sie berichtete von ihrem weltweiten Netzwerk, das mit Auslandshandelskammern kooperiert, um qualifizierte Arbeitskräfte nach Deutschland zu holen. Besonders in den Bereichen Mechatronik, Gastronomie und Hotellerie gibt es Pilotprojekte, unter anderem mit Brasilien, Indien und Vietnam. Trotz erster Erfolge bestehen jedoch Herausforderungen, insbesondere im Bereich Wohnraum, der häufig nicht übernommen werden kann.

Selbstständigkeit und Unternehmertum von Migranten

Zahlen der IHK zeigen, dass etwa 50% der Unternehmensgründungen in Offenbach auf nicht-deutsche Staatsbürger zurückzuführen sind. Vor allem im Bereich Handel, Freiberuflichkeit, Baugewerbe und Gastronomie sind viele Unternehmer mit Migrationshintergrund aktiv. Dennoch stehen diese Unternehmen vor besonderen Herausforderungen, wie beispielsweise einen hohen Bürokratieaufwand und fehlenden finanziellen Absicherungen. Die IHK betont, dass sie als Unterstützungsinstitut für Unternehmer wahrgenommen werden möchten, obwohl sie oft als Teil der Bürokratie gesehen wird. Dennoch würden viele Migranten die angebotene Beratung nicht in Anspruch nehmen, was laut der IHK möglicherweise auf kulturelle oder sprachliche Barrieren zurückzuführen sei. 

Mitbestimmung und Beteiligung ausländischer Gewerbetreibender

Wie stärker auf die Perspektiven ausländischer Gewerbetreibender in Bezug auf wirtschaftliche Entscheidungsprozesse eingegangen werden kann, ist eine der Fragen, die während des Gesprächs diskutiert wurde. Die IHK stellt fest, dass viele Unternehmer*innen mit Migrationshintergrund noch nicht aktiv an der Mitbestimmung teilnehmen, oft weil sie sich dessen nicht bewusst sind oder keinen direkten Zugang zu entsprechenden Gremien haben. Ziel sei es daher, diese Gruppe gezielt anzusprechen und für eine stärkere Partizipation zu motivieren. 

Herausforderungen und Potenziale für Offenbach

Nicht zuletzt spielt auch die Entwicklung der Offenbacher Innenstadt eine wichtige Rolle für die Wirtschaft. Hohe Mieten erschweren es gerade kleinen und innovativen Unternehmen, sich langfristig zu etablieren. Hier wurden verschiedene Ideen und Strukturen diskutiert, sich zunächst am Markt zu erproben. Zudem wurde betont, dass Offenbach ein großes wirtschaftliches Potenzial hat, dass durch gezielte Fördermaßnahmen weiter ausgeschöpft werden sollte.       

   

Bildung und Ausbildung: Studium und Schule als Schlüssel zur Zukunft 

Neben wirtschaftlichen Aspekten rückte auch das Bildungssystem in den Fokus des Gesprächs. Die IHK betonte die Bedeutung des dualen Studiums als attraktiven Bildungsweg, stellte jedoch fest, dass dieses Modell in einigen kulturellen Kontexten nicht denselben Stellenwert hat wie in Deutschland. Viele junge Menschen mit Migrationshintergrund seien nicht ausreichend über die Vorteile des dualen Studiums informiert oder würden es aufgrund familiärer Erwartungen nicht als bevorzugte Bildungsoption betrachten.

Um dem entgegenzuwirken, setzt die IHK auf verstärkte Aufklärungsarbeit, unter anderem durch „Azubi-Scouts“, die Schulklassen besuchen und von ihren Erfahrungen in Ausbildung und Beruf berichten. Zusätzlich sollen auch Eltern stärker in den Informationsprozess einbezogen werden, da sie eine zentrale Rolle bei der Berufs- und Studienwahl ihrer Kinder spielen.

Ein weiteres Anliegen war die bessere Vernetzung von Schulen und Unternehmen, um frühzeitig Karriereperspektiven aufzuzeigen. Es gibt bereits Kooperationen zwischen der IHK und Schulen, um Schüler*innen mit der Berufswelt in Kontakt zu bringen. Trotzdem gibt es noch Herausforderungen: Gerade in migrantisch geprägten Communitys fehlt oft der direkte Zugang zu wirtschaftlichen Netzwerken, was die Chancen für Praktika oder Ausbildungsplätze erschwert.

Die IHK sieht es daher als strategisches Ziel, die berufliche Orientierung noch praxisnäher zu gestalten und Schüler*innen verstärkt mit der lokalen Wirtschaft in Kontakt zu bringen. Dies könnte langfristig nicht nur die Ausbildungsbereitschaft erhöhen, sondern auch zur nachhaltigen Stärkung des Wirtschaftsstandorts Offenbach beitragen.

Fazit 

Das Treffen zwischen der Ofa-Fraktion und der IHK war ein informativer und aufschlussreicher Austausch. Es wurde deutlich, dass es bereits zahlreiche Initiativen zur Förderung von Integration und wirtschaftlicher Teilhabe gibt, gleichzeitig aber auch Handlungsbedarf in Bereichen wie Bürokratieabbau und Stadtentwicklung besteht. Die Diskussion zeigte, dass Offenbach großes Potenzial hat, das mit gezielten Maßnahmen weiter entfaltet werden kann. Die IHK und die politische Vertretung der Stadt stehen dabei vor der Herausforderung, effektive Lösungen zu entwickeln, um Offenbach als Wirtschaftsstandort noch attraktiver zu machen.

Weitere Informationen zu den Sprach- bzw. Integrationskursen in Offenbach findet Ihr unter: 

https://www.offenbach.de/buerger_innen/bildung/deutsch-lernen/integrationskurse.php

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